Wird immer jüngeren Kindern im Strassenverkehr zu viel zugemutet ?

Referat von lic. phil. Michael Wyler, Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD),
anlässlich der bfu-Verkehrsinstruktorentagung vom 14. November 2007

 

Werte Anwesende

In der nächsten halben Stunde versuche ich dieser Frage nachzugehen und werde mich dabei auf einige Beobachtungen in meiner Arbeit und Tendenzen bei der Beratung von Eltern und deren Kinder,  aber auch auf aktuelle Kommentare in den Medien beziehen.

 

Ein Zeitungsartikel im Tagesanzeiger vom 18.8.2007 hat mich dazu geführt der Frage nachzugehen, warum diese Aufforderung überhaupt zum Thema werden konnte. Was war früher anders resp. welche Änderungen in der Entwicklung unserer Gesellschaft sind für Vorschulkinder im Verkehr bedeutsam.

Sind heute jüngere Kinder mehr gefährdet als früher?
Wird von Ihnen ganz  allgemein zu viel erwartet ? Sind die Eltern verunsichert oder wird zu wenig Aufmerksamkeit auf  das Verhalten im Verkehr gelegt ? Reagieren Behörden zu spät oder sollen Vorschulkinder grundsätzlich dem öffentlichen Verkehr nicht ausgesetzt werden? Sind die Möglichkeiten der Mobilität in der postmodernen Zeit so vielfältig und verfügbar, dass Eltern ihre Kinder überfordern ?

Um dies annäherungsweise zu beantworten, möchte ich ohne Absicht von Priorität oder Ausgewogenheit einige Begriffe aus dem Alltag in Bezug auf die spezifische Entwicklungssituation von Vorschulkindern genauer betrachten :
Es sind dies :

- Mobilität
- Geschwindigkeit und Effizienz im Alltag
- Wahrnehmung und Wahrnehmungsverarbeitung
- Spiel und Aufmerksamkeit jüngerer Kinder
- Nachahmung
 

Wenn Ralf Oerter - ein Fachmann im Bereich Entwicklungspsychologie davon spricht, dass nicht nur die Reife sondern vor allem Umweltanregungen und soziale Interaktionen die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Schulbesuch sind, - und somit auch die Frage der Verkehrsbewältigung von Vorschulkindern zur Debatte steht - ist das Verhalten von Erwachsenen und die Tendenzen in unserer Gesellschaft  ein wichtiger Hinweis auf mögliche Gefahren für  jüngere  Kinder im Strassenverkehr.
 

Welche gesellschaftlichen Entwicklungen sind heute zu beobachten und was hat sich in den letzten Jahren in den oben erwähnten Bereichen verändert ?

 

Betrachten wir zuerst das Phänomen der Mobilität, und welche Auswirkungen dies auf das Verhalten von Vorschulkindern im Strassenverkehr haben kann.

Warum will Ivana mit dem Auto zur Schule gefahren werden ?

Warum will Jürg mit dem Scooter auf den Schulweg und vielleicht schneller als die Schulkameraden sein ?

Wieso gehen wir in den Sommerferien nicht auf die Malediven ?, fragt die 9 jährige Petra ihre Eltern ? Und fährst Du mich noch schnell in den Fussballclub, ich muss heute Abend noch Aufgaben machen ?

Solche und ähnliche Fragen sind heute Alltag. Kleine Kinder fragen vielleicht anders vergleichen aber genau so wie ältere und sind zudem noch stark beeinflussbar, wenn Eltern bestimmte Vorstellungen haben. Zudem entdecken sie mit grösster Freude neue Spielsachen, probieren diese aus und nehmen sie  unbekümmert auch mit auf die Strasse. Viele Eltern ermöglichen ihren Kindern Aktivitäten, die früher weniger üblich waren. Immer jüngere Kinder werden überall hin mitgenommen, mit Fortbewegungsmitteln vertraut gemacht die heute für Jedermann verfügbar sind. Gelegentlich auch aus Bequemlichkeit oder Zeitmangel, werden Kinder mit dem Auto zu einer Freizeitaktivität gebracht.

Diese Beobachtungen stehen als Beispiel für viele ähnliche Entwicklungen in unserer Gesellschaft und können gerade bei jüngeren Kindern zu einer Überforderung der Aufnahmefähigkeiten führen. Als Beispiel sei das 4 jährige Kind erwähnt, das auf dem kleinen Holzvelo mit seiner Mutter im Stadtverkehr einkaufen geht. Der Bewegungsdrang  und die eingeschränkte Wahrnehmung, aber auch die Probleme mit der Orientierung bewirken, dass das Kind nicht nur überfordert ist,  sondern aus seiner Perspektive davon ausgeht, dass sich alle Andern -inkl. ÖV- nach seinen aktuellen Bedürfnissen richtet.

Mobilität hat heute eindeutig zugenommen, ist ein Phänomen unserer aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung, kann aber gerade für jüngere Kinder viel Stress bedeuten. Einen Lerneffekt für den Umgang im Strassenverkehr ist m. E. daraus nicht zu beobachten.

Zudem ist die Wahrnehmungsgeschwindigkeit, die erforderlich ist, um all diese Erlebnisse und Eindrücke zu verarbeiten, oft zu hoch. Geschwindigkeit im Sinne aufeinander folgender Eindrücke und Wahrnehmungsereignisse hat im Alltag kleiner Kinder wenig Bedeutung ist aber für sie selber interessant.  Die Neugier  - eine wichtige  Antriebsquelle für die meisten Kinder - bewirkt, dass auch 5-6 Jährige von der lauten und raschen Aktivität in unserem Strassenverkehr fasziniert sind.  Selten wird ihnen dabei genug Zeit gelassen, all diese Eindrücke zu beobachten und zu verarbeiten.

Erinnern wir uns, in welchem Tempo ein Kleinkind seinen Weg in einer ungefährlichen Umgebung absolviert!   Jedes Schneckenhaus am Waldweg und jeder Käfer lädt zum Verweilen ein und die zurückgelegte Strecke wird bedeutungslos.  Haben wir in unserer Leistungsgesellschaft, die so auf Effizienz getrimmt ist noch die nötige Musse, den Kindern solche Erlebnisse zu ermöglichen?  Sind wir nicht selbst oft so unter dem Diktat der geforderten Geschwindigkeit im Alltag, dass wir vergessen, welches Tempo für Kleinkinder gerade im Verkehr angemessen ist ?

Der Zeitstress einer berufstätigen Familie führt gelegentlich dazu, dass Verkehrsmittel eingesetzt werden, die einem 4 Jährigen kaum Erkundungsmöglichkeiten offen lassen.

Die Möglichkeit zeitliche Dimensionen zu verstehen oder zu beeinflussen ist im Alter von 4-6 Jahren sehr gering.  Rasch wird die Aufnahmekapazität überladen und Kinder reagieren mit unerwünschtem oder desinteressiertem Verhalten.  Diese Gefahr hat m. E. in den letzten Jahren zugenommen und ist für die kleinen Teilnehmer im Strassenverkehr zu beachten. Wir werden später hören, welche möglichen Folgen dies für die Verkehrserziehung haben könnte.

Wenden wir uns nun aber einem Begriff zu, mit dem sie als Instruktorinnen und Instruktoren alle vertraut sind.

Die visuelle und akustische Wahrnehmung:
Bei 5-9 jährigen Kinder noch deutlich reduziert, und laut einer Untersuchung von Tight (1996) eine häufige Mitursache für Unfälle.

Wie sie alle wissen, ist die Wahrnehmung bei Kleinkindern sehr selektiv, das Abschätzen von Distanzen oder erkennen von Tempo ist eingeschränkt. Auch die Planung oder räumliche Übersicht ist noch wenig differenziert und besonders kleine Kinder sind auf Hilfe angewiesen.

Dies war vor 50 Jahren schon so, ist aber heute wichtiger denn je und betrifft vor allem Kleinkinder noch stärker als Schulkinder. Obwohl auch Vorschulkinder eine Situation als Gesamtes wahrnehmen können, werden sie sich vielleicht auf ein spezifisches Merkmal konzentrieren und  - wie in der dargestellten Situation auf unserem Bild- besonders vom Lärm oder der speziellen Farbe eines vorbeifahrenden Autos  fasziniert sein, ohne sich der möglichen Gefahr der Gesamtsituation bewusst zu werden. Wie wir aus der kognitiven Entwicklung von Kindern wissen, werden die Fähigkeiten Zusammenhänge zu erkennen oder auch Situationen zu antizipieren erst in deutlich späteren Lebensjahren erworben.

Selektive  Wahrnehmung wird aber noch durch andere Faktoren beeinflusst, wie beispielsweise durch Spielverhalten und Aufmerksamkeit.

Gerade in diesem Augenblick werden auch sie vielleicht optisch abgelenkt und fragen sich, was denn diese Fische hier bedeuten sollen.

Genau so ergeht es kleinen Kindern auf der Strasse und im Alltag. Ihre Aufmerksamkeit ist geprägt von Neugier, Beobachtung und aktuellen egozentrischen Bedürfnissen. Im Spiel ist die Aufmerksamkeit besonders auf das zur Zeit wichtige Objekt gerichtet und andere Einflüsse werden weniger wahrgenommen. Die Strasse war und ist oft ein Spielplatz, besonders in den Quartieren und in städtischen Agglomerationen. Hier gilt das oben erwähnte Prinzip. Ab 3-4 jährig werden Gruppenspiele immer wichtiger, soziale Erfahrungen werden erstmals in der Öffentlichkeit gemacht, Spiele werden ausprobiert, abgeändert und die Aufmerksamkeit wechselt sehr rasch.

Heute werden aus Unsicherheit aber auch aus Sorge jüngere Kinder seltener auf die Strasse geschickt, soziale Kontakte werden weniger geübt und die gewünschte  Aufmerksamkeit oft in der sicheren Stube oder vor elektronischen Geräten trainiert. Gameboy, Nintendo, Play-Station etc. sind Spiele, die zu zweit und zu Hause gemacht werden.  Visuelle Eindrücke sind dominant, akustische und motorische Anregungen werden vernachlässigt.  Gleichzeitig sind  die Anforderungen an  kleine Kinder  in den letzten Jahren deutlich angestiegen.  Viele Eltern erwarten heute  -besonders leistungsmäßig -  hohe Aufmerksamkeit von ihren Kindern. Kleine Kinder können diese Leistung nur in überschaubaren und kleinen Intervallen erbringen.  In einer komplexen Situation wie dies der moderne Strassenverkehr darstellt, kann die Aufmerksamkeit kaum in kleinen Intervallen geübt werden, die Gefahr einer Überforderung ist nahe liegend.

Nicht zuletzt befürchten Eltern heute mehr als früher, dass ihre Kinder Gefahren von fremden Personen ausgesetzt seien, wie das Beispiel Ylenia  deutlich macht. Als Folge wird der öffentliche Raum als Gefahr betrachtet, Kinder werden nur noch begleitet - und dies oft im Auto - an einen anderen Ort gebracht. 

Als letzten Punkt meiner Ausführungen möchte ich noch die Nachahmung erwähnen. Nachahmung spielt ebenso eine Rolle bei der Frage nach dem Transportmittel wie für die Situation des rollenden Balls, den gleich mehrere Kinder holen wollen oder das Überqueren eines Fussgängerstreifens bei rot, wenn andere Passanten drauflos marschieren.

Ivana will vielleicht mit dem Auto zur Schule, weil ihre beste Freundin auch so kommt, und Jürg möchte eben doch zeigen, dass er einen schöneren und schnelleren Scooter hat als seine Klassenkameraden, und warum soll Reto nicht auf der Strasse Fussball spielen, wenn die Nachbarskinder dies auch tun ?

Soll dies alles verboten werden, wo wir doch wissen, dass Nachahmung wertvolle Erfahrungen vermittelt und jüngere Kinder nichts lieber machen, als Gleichaltrige, Geschwister oder ihre Eltern zu kopieren.

Mit anderen Worten: Nachahmung ist unvermeidbar und wichtig in der Entwicklung von Kindern. Vorgaben, Einflüsse und Trends in der heutigen Gesellschaft aber auch aktuelle Ereignisse im Umfeld des Wohnorts prägen somit deutlich das Lernfeld der Kinder. Sowohl Überforderungen wie auch Verlust an Erfahrungen können zu Verhaltensweisen führen, die sich indirekt auf die Fähigkeit auswirken, im komplexen Umfeld des Strassenverkehrs bestehen zu können.

In Bezug darauf, muss daher die Frage der Zumutbarkeit für  Vorschulkinder durchaus kritisch hinterfragt werden. Evtl. gibt es sogar eine untere Altersgrenze, wo diese Frage klar verneint werden muss

Im letzten Teil meines Vortrags möchte ich nun drei Faktoren herausgreifen, die bei jüngeren Kindern eine positive Wirkung für die Bewältigung des Strassenverkehrs haben könnten :

 

1.    Bewegung

Eine Aktivität die kleine Kinder gern und mit viel Freude an der Wiederholung machen. Nach jeder noch so kleinen intellektuellen Anstrengung kann mit körperlichen Übungen die Koordination der  Motorik und die Wahrnehmung gestärkt werden.

Bezugnehmend auf den eingangs erwähnten Zeitungsartikel  „Kinder sollen zu Fuss zur Schule“ :

Können Kinder und ihre Bezugspersonen für einen Schulweg zu Fuss begeistert werden, sind vielleicht Entdeckungen möglich, die sonst verloren gehen.  Bewegung und die Chance der Langsamkeit sind heute  -im Zusammenhang mit Ernährung und Entwicklung von Kindern -  ein topaktuelles Thema. Und last but not least, sind gemeinsame Entdeckungen vielfältiger und wertvoller als der einsame Weg allein wie leicht am Beispiel Pédi-Bus zu erkennen ist.

 

2. Instruktion der Vorschulkinder
Wie dies pädagogisch erreicht und vermittelt werden kann, wird im folgenden Beitrag von Frau Winter ausführlich dargestellt.

 

3. haben Kinder ein Recht auf
E
inen Schulweg der möglichst sicher ist und den sie mit Hilfe ihrer Eltern, Geschwister oder anderen Schulkindern nach einigen  Malen selbständig bewältigen können.  Dass es dabei auch kleine Kinder gibt, die längere Zeit brauchen um sich zu orientieren ist normal und die Freude am Spiel auch auf der Strasse muss bedacht werden.

Sie haben aber auch das Recht, dass ihre Eltern möglichst früh auf die ungenügende Wahrnehmung ihrer Kinder aufmerksam gemacht werden und Eltern können  Mithilfe bei der Verkehrserziehung leisten. Vorbild steht dabei an erster Stelle.
Nicht zuletzt haben Vorschulkinder auch ein Recht auf Instruktion und den aktiven Einbezug der Vorschullehrkräfte. Jüngere Kinder haben noch wenig Vorurteile, Verkehrsinstruktion durch eine neue Person im Kindergarten ist ein Erlebnis, Uniform, Erfahrung aber auch der Respekt vor einer Amtsperson können gerade bei kleinen Kindern sehr wirksam sein.

 

Versuchen wir also zum Schluss noch einmal auf unsere erste Frage zu antworten:

 

wird immer jüngeren Kindern im Strassenverkehr zu viel zugemutet?
 

Ja, wenn die Kinder noch jünger werden und die Gesellschaft, die Eltern, und  weitere verantwortliche Stellen  - ich denke dabei auch an die Zonenplanung und Strassengestaltung - sich dem Diktat der ständig wachsenden Ansprüche und geforderten Effizienz  ergeben, und den Kindern die Chance eines alters- und tempo-gemässen Lernens zu wenig ermöglichen.
 

Nein, wenn Sie als Instruktorinnen und Instruktoren gemeinsam mit Eltern und Lehrpersonen die gewachsenen Ansprüche an eine Verkehrserziehung umsetzen und vermitteln können und dabei berücksichtigen, dass jüngere Kinder noch mehr Zeit, Geduld und Hilfe brauchen, um sich im zunehmenden Verkehr sicher bewegen  zu können. Zugleich muss bedacht sein, dass Verkehrserziehung beim Vorbild beginnt, Eltern an ihre Verantwortung erinnert werden dürfen.